„Totgeglaubte leben länger“ – TTF drehen Halbfinale in Düsseldorf und ziehen ins Endspiel ein

Borussia Düsseldorf – TTF Liebherr Ochsenhausen 2:3

Mit einer großen Energieleistung haben die TTF Liebherr Ochsenhausen das fast schon verloren geglaubte Halbfinal-Match in Düsseldorf noch gedreht und einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg umgemünzt. Es war der fünfte Sieg der TTF in den letzten sechs Partien gegen den Rekordmeister. Jeder der drei Ochsenhauser Spieler konnte einen Punkt beisteuern.

Damit steht der Titelverteidiger im Liebherr TTBL-Finale um die Deutsche Meisterschaft 2020 am Sonntag um 14 Uhr in der Frankfurter Fraport-Arena und hat die Chance, den fünften Deutschen Meistertitel der Vereinsgeschichte zu erringen. Gegner ist in der Neuauflage des Endspiels der Vorsaison der 1. FC Saarbrücken-TT, der sich am Mittwoch klar mit 3:0 gegen den SV Werder Bremen durchsetzen konnte.

Schwacher Auftakt der TTF

Der Auftakt stimmte nicht gerade optimistisch. Ein glänzend aufgelegter Timo Boll ließ Simon Gauzy beim 11:7, 11:6 und 11:3 keine Chance. Gauzy, der Boll mehrfach schon bezwungen hatte, fand in keiner Phase in seinen Rhythmus. Eigentlich sollte der Weltranglistensechste Hugo Calderano gegen Kristian Karlsson im Anschluss für den Ausgleich sorgen, doch die Rechnung ging nicht auf. Der Brasilianer agierte phasenweise zu nervös gegen den Schweden, der die Bigpoints machte und über sich selbst hinauswuchs. Am Ende stand ein 1:3 (8:11, 11:6, 13:15, 8:11) auf dem Bogen, auch weil Calderano diverse Führungen, besonders im ersten und dritten Durchgang, nicht ins Ziel bringen konnte.

Dyjas bringt das Team ins Spiel zurück, Calderano legt gegen Boll nach

Beim Zwischenstand von 0:2 rechneten viele – auch die TV-Kommentatoren Richard Prause und Jörg Roßkopf – mit dem Finaleinzug der Düsseldorfer, doch die Oberschwaben bäumten sich auf. Jakub Dyjas musste gegen den Schweden Anton Källberg gewinnen, um die Flamme am Lodern zu halten. Es gelang schließlich nach einem sehr ausgeglichenen Match, das der Pole knapp zu seinen Gunsten entschied (11:6, 7:11, 13:11, 7:11, 11:9).

Damit war klar, dass es zum Showdown der beiden Topspieler Timo Boll und Hugo Calderano kommen würde und es wurde tatsächlich das grandiose Match, das beide Namen versprachen. Calderano, der Boll schon öfters besiegt hat, zeigte großen Willen, seine Scharte aus dem ersten Match auszuwetzen, doch der 39-jährige deutsche Ausnahmespieler warf alles in die Waagschale, was ihm möglich war. Die Sätze eins und drei gingen an Calderano (11:9, 13:11), während Boll die Durchgänge zwei und vier ins Ziel brachte (11:9, 11:4). Im Entscheidungssatz konnte das TTF-Ass einen 6:8-Rückstand wegstecken und machte dann fünf Punkte in Folge zum erlösenden 2:2-Ausgleich.

Gauzy bringt TTF-Erfolg unter Dach und Fach

Nun musste also die Entscheidung im Duell der beiden „Zweier“ fallen. Nach den Eindrücken aus den ersten beiden Matches mag mancher auf Kristian Karlsson getippt haben, doch jetzt war es eine ganz andere Konstellation und Situation. Die TTF hatten Rückenwind und Simon Gauzy spielte nun Tischtennis auf Topniveau und hatte alles im Griff. Beim 11:7, 11:9 und 11:8 hatte man in keiner Phase das Gefühl, dass der 25-jährige Franzose das Spiel verlieren würde. Gauzy ballte die Faust und strahlte über das ganze Gesicht – mehr Jubel war angesichts der besonderen Hygiene-Umstände nicht möglich. Doch jeder der wenigen Personen in der Halle und der vielen Betrachter an den Bildschirmen spürte, wie glücklich die TTF über ihren hart erkämpften Erfolg waren.

Stimmen zu einem denkwürdigen Spiel

„Am Anfang haben wir keinen Rhythmus gefunden durch die lange Wettkampfpause, allerdings hat Timo auch bärenstark gespielt“, so TTF-Cheftrainer Dmitrij Mazunov. „Auch Jakub hatte noch Ups und Downs und brauchte etwas Glück mit zwei Netzrollern am Ende, um uns ins Spiel zurückzubringen. Doch das war der Wendepunkt, von da an sind wir immer besser in unseren Rhythmus hineingekommen. Hugo hat das schwere Match gegen Timo gewonnen, weil er immer an seine Chance geglaubt hat, und Simon hat sich am Ende gegen Karlsson fast in einen kleinen Rausch gespielt.“ Mazunov ist davon überzeugt, dass die TTF auch im Finale etwas bewegen können: „Natürlich ist Saarbrücken bärenstark, doch ich glaube an meine Mannschaft und an unsere Chance am Sonntag.“  

„Am Anfang war es ein bisschen schwer, meinen Rhythmus zu finden nach drei Monaten ohne Wettkämpfe, im zweiten Spiel habe ich aber viel besser gespielt“, so Hugo Calderano. „Das Spiel gegen Timo war echt sehr hart. Jakubs Spiel war sehr wichtig für uns. Wir haben immer geglaubt, dass wir zurückkommen können. Ich bin nun sehr, sehr glücklich, dass wir im Finale stehen.“

„Die ganze Mannschaft hat eine tolle Leistung gezeigt“, sagte Simon Gauzy nach dem TTF-Triumph. „Jakub hat eine tolle Mentalität gezeigt, Hugo ein super Niveau gegen Timo gespielt. Jetzt freuen wir uns auf das Finale am Sonntag.“

„Wie sagt man so schön: Totgeglaubte leben länger“, brachte TTF-Präsident Kristijan Pejinovic das Geschehen der auch ohne Zuschauer spektakulären 196 Minuten von Düsseldorf auf den Punkt. „Am Anfang herrschte bei unseren Jungs eine große Nervosität, ich hatte auch das Gefühl, dass sie mit dem Kopf durch die Wand wollten und es mit der Brechstange versucht haben. Die lange Wettkampfpause und die ungewohnten Bedingungen haben sicher dazu beigetragen. Doch wie das Team dann mit unbändigem Willen das Spiel gedreht hat, nötigt mir größten Respekt ab.“ Pejinovic ergänzte: „Natürlich war von Jakubs Spiel an auch das Glück etwas auf unserer Seite, doch das haben wir uns erkämpft und somit auch verdient.“ Der Vereinspräsident berichtet, dass die Mannschaft nun erst einmal in Düsseldorf bleibt, wo sie morgen auch trainieren wird. Am Freitagabend geht es dann in Richtung Frankfurt. „Auch am Sonntag gegen Saarbrücken werden die Tagesform und der Wille den Ausschlag geben“, ist Pejinovic überzeugt, der von einem weiteren „50:50-Spiel“ ausgeht.

Düsseldorfs Galionsfigur Timo Boll, die gegen Hugo Calderano ihre erste und einzige Saisonniederlage in der Bundesliga hinnehmen musste, erkannte nach dem verpassten Finaleinzug seines Teams als fairer Verlierer die Leistung der TTF an: „Eigentlich haben wir ganz gut gespielt, aber Ochsenhausen hat sich im Spielverlauf unheimlich gesteigert. Hugo hat heute sehr gut gespielt, das muss ich anerkennen. Gegen Ochsenhausen muss man die Chancen nutzen, die sich bieten, was uns heute nicht gelungen ist.“

DAS SPIEL IM ÜBERBLICK

Borussia Düsseldorf – TTF Liebherr Ochsenhausen 2:3
Timo Boll – Simon Gauzy 3:0 (11:7, 11:6, 11:3)
Kristian Karlsson – Hugo Calderano 3:1 (11:8, 6:11, 15:13, 11:8)
Anton Källberg – Jakub Dyjas 2:3 (6:11, 11:7, 11:13, 11:7, 9:11)
Timo Boll – Hugo Calderano 2:3 (9:11, 11:9, 11:13, 11:4, 8:11)
Kristian Karlsson – Simon Gauzy 0:3 (7:11, 9:11, 8:11)

Finale in Eurosport und Sportdeutschland.TV

Die TTF Liebherr Ochsenhausen treffen nun am Sonntag im Liebherr TTBL-Finale auf den 1. FC Saarbrücken TT. Spielbeginn in der Fraport Arena in Frankfurt am Main ist um 14 Uhr. Eurosport überträgt das Geschehen live im Free-TV ab 15.15 Uhr, das komplette Spiel gibt es ab 14 Uhr im Live-Stream von Sportdeutschland.TV zu sehen.